Unser Team hat die häufigsten Planungsfehler bei Niederspannungsverteilungen zusammengetragen, die wir selbst immer wieder in der Praxis erlebt haben.
Aus diesen Erfahrungen haben sich die zehn häufigsten Fehler herauskristallisiert. Dabei geht es nicht darum, vergangene Planungen zu kritisieren, sondern Potenziale für eine noch bessere, technisch sinnvolle und wirtschaftliche Planung aufzuzeigen.
Mit diesem Beitrag möchten wir Impulse geben, bestehende Planungsansätze zu hinterfragen und neue Möglichkeiten zu nutzen – für sichere, effiziente und zukunftsfähige Niederspannungsverteilungen.
🔴 1. Copy-Paste-Konzepte statt individueller Planung

🧩 «Das haben wir schon immer so gemacht.»
Standardisierung und modulare Konzepte sind sinnvoll. Problematisch wird es, wenn Konzepte aus alten Projekten einfach übernommen werden, ohne die technischen Anforderungen neu zu hinterfragen.
⚠️ So werden teilweise 20 Jahre alte Konzepte weitergeführt, nur weil sie bisher funktioniert haben. Nach dem Motto: «Das hat doch 100 Jahre funktioniert – warum sollten wir etwas ändern?»
Das Problem: Die Anforderungen haben sich verändert. Gebäude, Lastprofile, Betriebsarten, Digitalisierung, Energiemanagement und neue Technologien stellen heute andere Anforderungen an eine Niederspannungsverteilung.
💰 Das Ergebnis kann eine Anlage sein, die unnötig teuer, überdimensioniert oder für die konkrete Anwendung sogar ungeeignet ist.
👉 Standardisieren ja. Aber nicht 20 Jahre alte Lösungen blind weiterbauen.
🔴 2. Prospektiver Kurzschlussstrom (Icp) falsch ermittelt
⚡ Ein häufiger Planungsfehler ist, den prospektiven Kurzschlussstrom Icp auf Basis falscher Betriebsannahmen zu bestimmen.
Entscheidend sind die vorhandenen Quellen und deren tatsächliche Betriebsart. Werden beispielsweise zwei Transformatoren oder andere Quellen als dauerhaft parallel angenommen, obwohl ein Parallelbetrieb betrieblich gar nicht vorgesehen ist, werden deren Kurzschlussleistungen fälschlicherweise addiert. Auch bei einer Revisionskupplung ist entscheidend, ob diese tatsächlich im normalen Betrieb geschlossen wird oder ausschliesslich für Revisionszwecke vorgesehen ist.
💡 Der gleiche Fehler wird häufig auch bei der Dimensionierung der Nennströme gemacht: Nennströme mehrerer Einspeisungen werden einfach addiert, obwohl diese betriebsmässig nicht gleichzeitig wirksam sind.

📐 Die Lösung: Eine Netzberechnung sollte bereits früh in der Planung durchgeführt werden. Dabei werden die verschiedenen Betriebsarten der Quellen definiert und die relevanten Kurzschlussfälle korrekt berechnet.
💡 SIMARIS design von Siemens ermöglicht eine frühzeitige Netzberechnung und die Betrachtung verschiedener Betriebsarten. Die Basisversion steht kostenlos zum Download zur Verfügung.
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👉 Nicht mit theoretischen Maximalwerten planen – sondern mit den tatsächlich relevanten Betriebszuständen.
🔴 3. Messkonzept, Kommunikation und Schaltgerätekombination getrennt planen

📊 Ein häufiger Planungsfehler ist, das Messkonzept unabhängig von der Schaltgerätekombination zu planen. Dabei müssen Messtechnik, Kommunikation und Verteilung von Anfang an als gemeinsame Lösung betrachtet werden.
Eine moderne Energieverteilung verteilt nicht nur Energie – sie liefert auch die Daten für Lastmanagement, Verrechnung und Energiemanagement und schafft die Basis für zukünftige IoT-Anwendungen.
Ob vZEV, ZEV oder amtliche Messung – die Anforderungen sollten deshalb frühzeitig definiert werden. Auch die Wahl des Kommunikationssystems ist entscheidend. Ein M-Bus kann für die reine Erfassung von Energieverbräuchen sinnvoll sein, stösst aber bei Live-Daten, Energiemonitoring, Lastmanagement oder dynamischen Anwendungen schnell an Grenzen. Je nach Anwendung können ethernetbasierte Lösungen wie TCP/IP, PROFINET oder PROFIBUS deutlich mehr Möglichkeiten bieten.
💡 Auch MID-Zähler werden teilweise eingesetzt, obwohl gar keine Verrechnung erforderlich ist. MID ist insbesondere dort relevant, wo Messwerte für abrechnungsrelevante Zwecke benötigt werden. Für reines Energiemonitoring ist ein MID-Zähler nicht automatisch notwendig.
⚙️ Moderne Leistungsschalter bieten zudem integrierte Messfunktionen. Dadurch können zusätzliche Messgeräte und Stromwandler teilweise entfallen und Messwerte direkt für Monitoring und Energiemanagement genutzt werden.
👉 Messkonzept, Kommunikationsarchitektur und Schaltgerätekombination gehören gemeinsam geplant – nicht getrennt voneinander.
🔗 Einen vertiefenden Beitrag zum Thema MID finden Sie auf myVerteiler.ch.
🔴 4. Falsche Schalt und Schutztechnik gewählt – Sicherung oder Leistungsschalter?

⚡ Die Wahl zwischen NH-Sicherungen und Leistungsschaltern wird in der Praxis häufig nach Gewohnheit getroffen. Dabei sollte die Schalttechnik auf die tatsächlichen Betriebsbedingungen und Anforderungen der Anlage abgestimmt werden.
Bei höheren Nennströmen, beispielsweise ab 630 A, müssen NH-Sicherungen häufig parallel eingesetzt werden. Das erhöht den Platzbedarf und bringt zusätzliche Anforderungen an Aufbau, Betrieb und Schutzkoordination mit sich.
🏭 Besonders bei Hauptverteilungen mit mehreren Verteilebenen und regelmässigen betriebsmässigen Schaltvorgängen bietet der Leistungsschalter deutliche Vorteile. Einstellbare Schutzfunktionen ermöglichen eine bessere Staffelung und einen gezielten Schutz nachgelagerter Kabel und Leitungen – insbesondere hinsichtlich Überlast- und Kurzschlussschutz.
🔧 Auch das Thema Wartung wird häufig zu einseitig betrachtet. NH-Sicherungen werden oft als wartungsfrei bezeichnet. Tatsächlich gehören jedoch auch Sicherungslasttrenner, Kontakte und Anschlüsse zum Gesamtsystem und müssen entsprechend betrachtet werden.
📈 Moderne Leistungsschalter, beispielsweise von Siemens, bieten zusätzlich Condition Monitoring. Der Zustand des Gerätes kann überwacht und Wartungen können zustandsorientiert geplant werden. Damit wird auch Predictive Maintenance möglich.
⚠️ Beim Schalten von Sicherungslasttrennern können zudem zusätzliche Schutzmassnahmen und persönliche Schutzausrüstung erforderlich sein, insbesondere wenn ein erhöhtes Störlichtbogenrisiko besteht.
👉 Nicht die Sicherung oder der Leistungsschalter allein ist entscheidend – sondern die richtige Schalttechnik für die konkrete Anwendung.
🔗 Weitere Infos dazu gibt’s hier:
8 technische Massnahmen für sichere NS-Schaltgerätekombinationen – myVerteiler
🔴 5. Störlichtbogenschutz nicht berücksichtigt

⚡ Der Störlichtbogenschutz wird in der Planung häufig erst dann zum Thema, wenn die Schaltgerätekombination bereits weitgehend definiert und in Betrieb ist. Dabei muss die Gefährdung bereits in einer frühen Planungsphase beurteilt werden.
Bei einem prospektiven Kurzschlussstrom von über 20 kA ist das Thema insbesondere im Kontext der ESTI 407 in die Risikoanalyse einzubeziehen. Entscheidend ist dabei nicht nur der Kurzschlussstrom, sondern auch, ob und wie häufig betriebsmässige Schaltvorgänge an der Anlage durchgeführt werden.
🔥 Je nach Ergebnis der Risikoanalyse kann für Anlagen mit hohen Kurzschlussströmen eine störlichtbogengeprüfte Schaltgerätekombination nach IEC/TR 61641 eine sinnvolle beziehungsweise erforderliche Lösung sein.
Die Konsequenz: Wird der Störlichtbogenschutz erst spät betrachtet, können aufwendige Anpassungen an der Schaltgerätekombination notwendig werden.
👉 Störlichtbogenschutz ist kein nachträgliches Zusatzthema. Er gehört bereits in die Risikoanalyse und in das Grundkonzept der Energieverteilung.
🔗 Weitere Infos dazu gibt’s hier:
8 technische Massnahmen für sichere NS-Schaltgerätekombinationen – myVerteiler
🔴 6. Polzahl der Schaltgeräte falsch gewählt

🔌 Die Polzahl von Schaltgeräten wird in der Planung häufig pauschal oder aus Gewohnheit festgelegt. Dabei muss sie zum Netzsystem, zur Betriebsart und zum Neutralleiterkonzept passen.
⚡ Ob ein Schaltgerät 3- oder 4-polig ausgeführt wird, ist dabei keine grundsätzliche Frage von «richtig» oder «falsch». Entscheidend ist, welche Funktion die Schaltung in der konkreten Anlage erfüllen muss und ob eine allpolige Abschaltung erforderlich oder sinnvoll ist.
🏗️ Insbesondere bei komplexen Anlagen und höheren Nennströmen sollte die Behandlung des Neutralleiters frühzeitig definiert werden. So lassen sich unnötige Komponenten, zusätzliche Schnittstellen und spätere Anpassungen vermeiden.
👉 Nicht 3- oder 4-polig ist die Frage – sondern: Was verlangt das konkrete Netz- und Betriebskonzept?
🔴 7. Gleichzeitigkeitsfaktor, RDF und Derating falsch berücksichtigt

⚡ Häufig werden einfach die Nennströme aller Abgänge addiert, ohne den Gleichzeitigkeitsfaktor bzw. den RDF nach IEC 61439 zu berücksichtigen. Das führt schnell zu einer massiven Überdimensionierung der Anlage.
📐 Je nach Anwendung gibt die IEC 61439 Vorzugswerte für den RDF vor. Bei einer PV-Anlage kann kann dabei beispielsweise ein RDF von 1 relevant sein.
🔥 Unabhängig davon muss das Derating der einzelnen Schaltgeräte berücksichtigt werden – abhängig von Einbausituation, Umgebungstemperatur und Häufung.
👉 RDF bestimmt die gleichzeitig zu berücksichtigende Belastung – Derating bestimmt, was das einzelne Schaltgerät unter den tatsächlichen Bedingungen leisten kann.
🔴 8. Ungeprüfte Anschlüsse und Kombinationen
🔧 Ein häufiger Planungsfehler sind nicht nachgewiesene Kombinationen von Komponenten und Anschlüssen. Beispielsweise werden Stromschienenköpfe verschiedener Hersteller kombiniert oder Kabelanschlüsse individuell ausgeführt.
🔥 Solche «Freestyle»-Lösungen können zu hohen Übergangswiderständen, lokalen Erwärmungen und im schlimmsten Fall zu Ausfällen führen.
📐 Gemäss IEC 61439 müssen Anlagen > 1600A Ina und >10 kA Icw die Eigenschaften der Schaltgerätekombination als Gesamtsystem nachgewiesen werden. Dazu gehören auch die verwendeten Komponenten und deren Anschlüsse.

👉 Keine Freestyle-Anschlüsse: Komponenten und Verbindungen müssen zur geprüften und nachgewiesenen Ausführung der Schaltgerätekombination passen.
🔴 9. Sicherheitsstromversorgung falsch integriert

⚠️ Die Anforderungen an die Sicherheitsverteiler gemäss VKF werden in der Planung teilweise zu spät berücksichtigt. Häufig wird versucht, eine Sicherheitsstromversorgung nachträglich in eine normale Verteilung zu integrieren und beispielsweise mit EI60- oder EI90-Massnahmen nachträglich abzuschotten.
🔥 Das ist kein Ersatz für ein von Anfang an richtig geplantes Sicherheitsstromversorgungskonzept. Die räumliche und technische Trennung muss frühzeitig berücksichtigt werden.
👉 Sicherheitsstromversorgung nicht nachträglich «irgendwie» integrieren – sondern von Anfang an richtig planen.
Hier geht’s zum Brandschutzmerkblatt des VKF: BRANDSCHUTZMERKBLATT
🔴 10. NSV-Anforderungen und Abstrahlung überbewertet

⚡ Ein weiterer häufiger Planungsfehler ist, Anforderungen an Netzqualität, Störfestigkeit und Abstrahlung pauschal zu hoch anzusetzen.
💰 Dadurch werden teilweise teure Massnahmen geplant, obwohl sie für die konkrete Anlage technisch gar nicht erforderlich sind.
👉 Nicht jede mögliche Störung braucht eine teure Massnahme. Anforderungen analysieren, statt vorsorglich zu überdimensionieren.
Faktencheck zum EMV-Kabel-Hype – myVerteiler
Schlussgedanke
Eine gute Niederspannungsverteilung muss nicht die grösste oder aufwendigste Lösung sein – sondern die richtige Lösung für die konkrete Anwendung. Wer Anforderungen, Betriebsarten und moderne Technologien frühzeitig berücksichtigt, kann Kosten reduzieren, ohne bei Sicherheit und Qualität Kompromisse einzugehen.
Wir helfen gerne dabei, die passende Lösung zu finden – technisch sinnvoll, wirtschaftlich und zukunftsfähig.
Kontakt Niederspannungsteam Siemens Schweiz AG: tip.support.ch@siemens.com
Euer SIEMENS Niederspannungsteam der Schweiz 🇨🇭

